„Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.“ Aristoteles
Interview mit Frau Herberigs von der Aachener Zeitung im April 2026:
Wie definieren Sie die Hypnose? Veränderter Bewusstseinszustand? Eine Art der Entspannung, ...?
Ich definiere Hypnose als eine Technik, die es ermöglicht, in einen anderen Bewusstseinszustand/ eine Trance zu gelangen.
Dieser veränderte Bewusstseinszustand beinhaltet sowohl eine körperliche, als auch eine geistige/ seelische Entspannung.
In diesem tiefen Entspannungszustand werden Alphawellen (zuständig für Entspannung) verbunden mit Thetawellen (ermöglichen kreative Denkprozesse) oder Deltawellen im Gehirn produziert, die einen Zugang zu unbewussten neuronalen Mustern ermöglichen. Gleichzeitig ist die Aufmerksamkeit hochfokussiert und der Blick nach Innen gerichtet.
Können Sie erklären, wie genau die Hypnose in Ihrer Praxis zum Einsatz kommt?
Zunächst findet ein Erstgespräch statt. In diesem erstelle ich eine Anamnese und Frage nach möglichen Kontraindikationen. Der Klient beschreibt mir sein Anliegen, das sowohl die Rauchentwöhnung, aber auch der Wunsch zur Veränderung alter Glaubensmuster, Ängste u.v.m. betreffen können. Dann erkläre ich die Wirkweise und den Ablauf der Hypnotherapie.
Nach einer Induktion (Einleitung) und einer Fraktionierung (Vertiefen der Trance) arbeite ich mit unterschiedlich en Sprachmustern und Bildern, die sowohl ressourcenaktivierend sind als auch einen Verarbeitungsprozess in Gang setzen können.
Funktioniert die Hypnose als eigenständige Therapieform oder sollte sie als Ergänzung zu anderen Formen genutzt werden?Hypnotherapie selbst enthält u.a. Elemente aus der Verhaltenstherapie oder lösungsorientierten Kurzzeittherapie. Es sollte meiner Meinung nach integrativ, also als Bestandteil einer Therapie genutzt werden.
Was passiert mit Ihren Patient*innen, während diese in den hypnotischen Zustand versetzt werden? (Anders formuliert: wie reagiert das Gehirn auf Hypnose, wie funktioniert das?
Im hypnotischen Zustand sinkt die Aktivität im Präfrontalen Kortex (der sogenannte kritische Verstand), wodurch Suggestionen in tiefere Bereiche des Gehirns gelangen könneDorthin, wo unsere unbewussten Glaubenssätze, Ängste etc. sich befinden.
Die Patienten befinden sich während einer Hypnosesitzung in einem tiefen Entspannungszustand und sind gleichzeitig mit ihrer Aufmerksamkeit auf innere Bilder und den damit verbundenen Emotionen fokussiert.
Wie viel Kontrolle hat ein Mensch, der unter Hypnose steht, noch?
Der Mensch behält die volle Kontrolle und kann jederzeit aus dem hypnotischen Zustand herausgehen, wenn er das möchte.
Worin unterscheidet sich die Hypnose zur Meditation?
Hypnose fördert Veränderungsprozesse durch eine tiefe Trance, während Meditation den Fokus auf eine wache Achtsamkeit und Beobachtung z.B. des Atems legt.
Wie unterscheidet sich die Hypnose zueinander, wenn sie zu verschiedenen Zwecken genutzt wird? (ZB Traumabewältigung vs. Rauchentwöhnung vs. Showhypnose)
Hypnose zur Traumabewältigung sollte meiner Meinung nach in eine Traumatherapie integriert werden, da ansonsten die Gefahr einer Reaktivierung des Traumas besteht.
Bei der Rauchentwöhnung spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Allen voran die Gewohnheit. Deswegen macht es Sinn, zunächst die Gewohnheiten zu verändern, bei denen das Rauchen eine Rolle spielt, also der Automatismus, der dahinter steht.
Dann ist es essentiell, dass der Raucher selbst, den Willen hat, aufzuhören.
Hypnose kann dabei unterstützend sein.
Showhypnose dient, wie der Name schon sagt, zu Showzwecken, also zur Unterhaltung und hat mit Hypnotherapie nichts zu tun.
Da die Teilnehmer sich in einem Trancezustand befinden, sind sie suggestibler gegenüber Anweisungen.
Welche Voraussetzung braucht ein*e Patient*in, damit Hypnose funktioniert?
Die meisten Menschen sind grundsätzlich hypnotisierbar, die Tiefe der Trance kann aber individuell unterschiedlich ausfallen.
Gibt es Menschen, für die Sie die Hypnose gar nicht empfehlen?
Ja. Dazu gehören Menschen mit hirnorganischen Erkrankungen, suizidgefährdete Menschen und Menschen mit Herz-Kreislaufproblemen.
Auch Menschen, die zu Thrombosen neigen oder bestimmte Persönlichkeitsstörungen haben, sollten keine Hypnose durchführen lassen.
Welche Voraussetzungen braucht es als Therapeutin?
Es braucht eine fundierte therapeutische Grundausbildung.
Das Vertrauen des Patienten in die Arbeit des Therapeuten/ der Therapeutin bildet außerdem ein wichtiges Fundament.
Eine weitere wichtige Voraussetzung ist natürlich das Wissen über Wirkung und mögliche Nebenwirkungen von Hypnose und wann es nicht angewendet werden darf.
Auch der Psychoedukation sollte genügend Raum gegeben werden, um Vorbehalte und gegebenenfalls Unsicherheiten zu reduzieren und mögliche Fragen zu klären.
Wie sind Sie zur Hypnosetherapeutin geworden?
In meiner therapeutischen Arbeit halte ich Hypnotherapie für eine gute Möglichkeit, tiefsitzende neuronale Muster zu erreichen und somit gewünschte Veränderungsprozesse in Gang zu bringen.
Wir wissen kognitiv häufig sehr genau, was gut für uns ist. Dennoch reicht es aber häufig nicht aus, um von uns gewünschte Verhaltensänderungen umzusetzen. Der unbewusste Teil macht ca. 90% und unser bewusster Teil ca.10% aus.
Freud hat das sehr anschaulich in seinem Eisbergmodell gezeigt. Der Teil, der sich über der Wasseroberfläche befindet, steht für unsere bewusste Wahrnehmung. Der unbewusste Teil befindet sich unter der Wasseroberfläche.
Die Möglichkeiten, die sich dadurch ergeben, haben mich schon immer fasziniert.
Gibt es verbindliche Qualifikationen, die man haben muss, um sich so bezeichnen zu dürfen?
Es braucht eine fundierte therapeutische Ausbildung sowie eine zusätzliche Weiterbildung im Bereich Hypnosetherapie.
Wie viele Sitzungen braucht es in der Regel, um erste spürbare Effekte zu erzielen?
Das ist sehr unterschiedlich. Hypnotherapie gilt als Kurzzeittherapieverfahren. Die Wirkweise ist aber auch von der Mitarbeit der Klientin/ des Klienten abhängig.
Therapie ist immer ein Miteinander. Der Klient bekommt Therapietools für die Zeit zwischen den Sitzungen mit an die Hand, die den Prozess unterstützen und die Selbstwirksamkeit fördern.
Inwiefern ist der Effekt wissenschaftlich belegt?
Hypnotherapie ist seit 2006 in Deutschland vom wissenschaftlichen Beirat für Psychotherapie als wissenschaftlich fundierte Methode anerkannt.
Gibt es Studien und/oder auch Erfahrungen aus Ihrem Berufsleben, die Sie besonders von der Effektivität der Hypnose überzeugen?
Ja, beides. Es gibt Studien und auch Untersuchungen, die die Veränderungen im Gehirn während einer Hypnose zeigen können.
Viele Studien haben allerdings eine geringe Teilnehmerzahl. Dennoch sehe ich in meiner Arbeit immer wieder faszinierende Ergebnisse, die mit Hypnose erzielt werden können. Da unser Unterbewusstsein so einen großen Teil ausmacht, können wir es wunderbar mithilfe von Hypnotherapie für uns nutzen.
Gibt es auch Risiken bei einer Behandlung mit Hypnose? Wenn ja, welche?
Risiken beinhalten immer die o.g. Kontraindikationen (es gibt noch mehr). Da sollte Hypnose nicht angewendet werden.
Wie reagieren Sie auf kritische Stimmen, die Hypnose als Placebo bezeichnen?
Placebo ist grundsätzlich ein wunderbarer Wirkmechanismus, der zeigt, wie kraftvoll unser Unterbewusstsein arbeitet. In der Hypnotherapie kommt aber natürlich ein komplexerer Wirkmechanismus zum Tragen.
Wie wird die Hypnose aus Ihrer Erfahrung in der Öffentlichkeit wahrgenommen?
Ich nehme es so wahr, dass die Öffentlichkeit diesem Thema zunehmend offen gegenüber eingestellt ist.
Wie blicken Sie als Hypnosetherapeutin auf diese Wahrnehmung?
Mich freut diese Entwicklung und sie spricht für die Wirkweise der Methode.
Hypnose wird oft auch zur Unterhaltung genutzt. Wie glauben Sie, wirkt sich diese Verwendung auf die Wahrnehmung der Hypnose als therapeutisches Mittel aus? Verliert die Methode nach außen hin dadurch an Seriosität?
Das war mal so, aber meine Erfahrung zeigt, dass sehr vielen Menschen mittlerweile durchaus bewusst ist und sie unterscheiden können, was zur Showhypnose gehört und was zur Hypnotherapie.
Psychoedukation ist deswegen aber durchaus ein wichtiger Bestandteil der Therapie.
